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Vatikankirche bringt Opfer um Entschädigung

Insolvenz statt Entschädigung?


Wie kann der deutsche Bundestag im Herbst einen Religionsführer eine Rede halten lassen, dessen Gefolgsleute nicht nur zahllose Verbrechen an Kindern auf dem Gewissen haben, sondern die Entschädigung der Opfer auch noch mit allen möglichen Tricks unterlaufen?

„US-Erzdiözese ist pleite“. Unter dieser Überschrift berichtet Spiegel Online am 5.1.2011 über eine neuerliche Insolvenz einer US-amerikanischen Diözese im Bundesstaat Wisconsin. Als Folge des "sexuellen Missbrauchs" von Kindern habe ein katholisches US-Bistum wegen hoher Entschädigungszahlungen Insolvenz anmelden müssen. Der Kirchenbezirk sehe sich 13 Klagen wegen Missbrauchs gegenüber, die Entschädigungszahlungen an Opfer überstiegen das Budget der Diözese.

Der Erzbischof der katholischen Kirchenprovinz von Milwaukee wird mit den Worten zitiert, der Gläubigerschutz solle es ermöglichen, die Verpflichtungen gegenüber den Opfern „gerecht zu erfüllen“. In den vergangenen 20 Jahren habe das Bistum bereits über 29 Millionen Dollar Entschädigung an Missbrauchsopfer gezahlt. Unter anderem sei 200 Opfern geholfen worden, die von 1954 bis 1974 in einer Schule für Gehörlose von einem Priester missbraucht wurden.

Was in der Berichterstattung von Spiegel-online wie die bedauernswerte aber nicht zu vermeidende Folge eines ebenso bedauernswerten Fehlverhaltens aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als kaum zu überbietende Ungeheuerlichkeit und Kaltschnäuzigkeit der Vatikankirche gegenüber den Opfern ihrer klerikalen Kinderschänderverbrecher.

Jahrzehntelang setzte die Kirche unschuldige Kinder den übelsten Verbrechen aus. Mit dem Begriff „sexueller Missbrauch von Kindern“ werden diese Verbrechen eher verharmlost. Hier wurden Kinder Opfer vielfacher Vergewaltigungen nicht nur mit schmerzhaften körperlichen Verletzungen, sondern auch seelischen Schäden, die von Fachleuten nicht umsonst als „Seelenmord“ eingestuft werden.
In den USA, wo die Trennung von Staat und Kirche funktioniert, haben schon länger staatliche Gerichte trotz der Vertuschungsversuche des Vatikan die klerikalen Verbrecher zur Rechenschaft gezogen. Bei den Verfahren in Milwaukee geht es zumindest um die materielle Entschädigung der Opfer, deren Dasein durch klerikale Verbrecher oft lebenslang zerstört ist
Wer aber nun glaubt, dass die Vatikankirche dann, wenn Taten bekannt und von staatlichen Gerichten auch abgeurteilt werden, Ihrer Verantwortung gegenüber den Opfern auch nachkommt, kennt diese Organisation nicht: Seit 2002, so Spiegel Online, haben bereits sieben US-Diözesen Insolvenz angemeldet, weil die Kirche die von staatlichen Gerichten den Opfern zugesprochenen Schadensersatzforderungen nicht aufbrachte – oder aufbringen wollte. Die Insolvenz ist also ein Weg, rechtskräftig gewordenen Forderungen aus dem Weg zu gehen. Im Klartext heißt das dann, dass die Opfer von der Kirche zumindest teilweise um ihre Entschädigungen gebracht werden, obwohl diese ihnen von staatlichen US-Gerichten rechtskräftig zugesprochen sind.

Da klingt die Aussage des Erzbischofs von Milwaukee geradezu zynisch, wenn er sagt, der Gläubigerschutz solle es ermöglichen, die Verpflichtungen gegenüber den Opfern „gerecht zu erfüllen“. Es ist ein Schlag ins Gesicht der Opfer durch die Vatikankirche, die bekanntlich zu den reichsten Institutionen auf der Erde gehört. Und verantwortlich dafür ist niemand anderes als der Papst persönlich. Denn dieser ist kraft unfehlbarem Dekret und Dogma alleiniger und unbeschränkter Herrscher der Vatikankirche weltweit und bestimmt alleine und unumschränkt in letzter Instanz, was die Vatikankirche tut und lässt.

Der Papst ist also in letzter Instanz dafür verantwortlich, wenn die Vatikankirche zum Mittel der Insolvenz örtlicher Kirchendistrikte greift, um ihre Opfer ins Leere laufen zu lassen. Dabei wäre es für die überreiche Vatikankirche ein Leichtes, ihre Opfer zu entschädigen. Geld ist genug da. Der Kapitalfluss aus den Diözesen nach Rom funktioniert einwandfrei. Laut tagesschau.de vom 26.8.2007 soll der Papst persönlich allein durch den sogenannten "Peterspfennig" auf diesem Weg im Jahr 2002 rund 53 Millionen Euro kassiert haben. Aus diesen und vielen weiteren Milliarden Einnahmen des Vatikans aus seinem Multi-Milliardenvermögen wäre es ein Leichtes, die berechtigten Ansprüche der Opfer der klerikalen Verbrecher zu befriedigen. Warum soll der Geldfluss nicht auch in der umgekehrten Richtung möglich sein, vom Vatikan in die Diözesen?

In Deutschland kennt man die Verweigerungshaltung der Vatikankirche aus Rechtsfällen, in denen sie den Opfern ihrer Priesterverbrecher die Wiedergutmachung vorenthält mit der Begründung, die Opfer hätten sich nicht rechtzeitig an staatliche Gerichte gewandt, deshalb seien Ihre Rechte verjährt.

Und die Tausende von Heimkindern, die in kirchlichen Kinder- und Jugendheimen schwersten Misshandlungen und Zwangsarbeit ausgesetzt waren, wollen die großen, steinreichen Kirchenkonzerne höchstens mit einem Almosen abspeisen. Der „Runde Tisch“, an dem dieser Skandal aufgearbeitet werden sollte, ging vor wenigen Wochen ohne konkrete Entschädigungszusagen der Kirchen zu Ende.

Mutet es da nicht seltsam an, wenn der Repräsentant einer solchen Organisation von einigen deutschen Politikern nicht nur ständig hofiert wird, sondern auch noch als „Staatsoberhaupt“ zu einer Rede vor dem Bundestag, dem wichtigsten staatlichen Organ eines demokratischen Rechtsstaats, eingeladen wird? Die Parlamentarier sollten zumindest darauf bestehen, dass der Papst zuerst seine Hausaufgaben macht und seinen Laden in Ordnung bringt, ehe er anderswo große Reden hält.