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An die Abgeordneten: Protest gegen Papstrede

Geplante Papstrede im Bundestag





Sehr geehrter Herr/Frau ...,

unser Brief vom 7. April brachte eine ganze Reihe interessanter Reaktionen aus den Reihen der Bundestagsabgeordneten. Insbesondere wurde deutlich, dass eine erhebliche Anzahl von Abgeordneten die geplante Rede des obersten Priesters der Vatikankirche in einem deutschen Parlament durchaus kritisch sehen. Gründe und Argumente gegen eine solche Rede gibt es in der Tat mehr als genug, wie gerade wieder die letzten Tage aufgezeigt haben:

„Unterwerfungssüchtige Sonderlinge“

● Wie die Wiener Tageszeitung Die Presse am 26.5.11 berichtet, hat vor wenigen Tagen der äußerst angesehene österreichische ÖVP-Politiker und Laienkatholik Herbert Kohlmaier sein Amt als Sprecher der von ihm selbst (!) gegründeten katholischen „Laieninitiative“ niedergelegt. Originalton Kohlmaier:

„Die Kirche ist auf dem Weg zu einer lateinische Formeln murmelnden Sekte unterwerfungssüchtiger und sexualneurotischer Sonderlinge. Wir stehen unter dem Diktat einer verstockten vatikanischen Bürokratie, die weder gewillt noch fähig ist, den Auftrag des Herrn in unserer Zeit zu erfüllen.“

Für Herbert Kohlmaier „kann Christentum nur noch in völliger Loslösung von der römischen Hierarchie gelebt werden.“ Weitere ebenso bemerkenswerte wie deutliche Aussagen eines engagierten Laienkatholiken, der an seiner Kirche verzweifelt, können Sie der beiliegenden Kopie des Artikels entnehmen.

● Einige deutsche Politiker hinken in einer gewissen Naivität dem Klarblick ihres österreichischen Kollegen offenbar ziemlich hinterher. Weshalb muss beispielsweise der deutsche Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert unbedingt zu einer Privataudienz zum Papst nach Rom fahren? Was kann der Präsident eines demokratisch gewählten Parlaments von einem absoluten Monarchen und Autokraten lernen? Oder meinte er, mit seinen zaghaften Reformbestrebungen (Zölibat) mehr Gehör zu finden als sein desillusionierter Kollege Kohlmaier? Da wäre er besser zuhause geblieben!

● Das gilt erst recht für die ihn begleitende Bundestagsvizepräsidentin Karin Göring-Eckardt. Wie wir in unserem Brief vom 7. April bereits dargelegt haben, sind Protestanten, die nicht vor ihrem Tod katholisch werden, nach einschlägigen (und unwiderruflichen, weil „unfehlbaren“) vatikanischen Dogmen nicht vor der „ewigen Hölle“ zu retten, auch wenn die Kirche manchmal einen anderen Eindruck zu erwecken versucht. Da hilft auch die Schützenhilfe der katholischen Abgeordneten Monika Grütters (CDU) nichts, die sich laut katholisch.de vom 27.5.11 vom Papstbesuch „Fortschritte in der Ökumene“ erwartet. Es sei denn, sie versteht (wie vermutlich der Papst auch) unter „Ökumene“ die atemberaubende Umarmung der davongelaufenen kleinen Schwesterkirche durch den großen weißen Riesenbruder unter römischen Vorzeichen.

● Davon scheint auch die thüringische Ministerpräsidentin und lutherische Pfarrerin Christine Lieberknecht nichts zu ahnen, wenn sie sich „sehr dankbar“ zeigt, dass der Papst „in Erfurt ein ökumenisches Zeichen setzen wolle“ (idea spektrum, 25.5.11). Der Papstbesuch sei eine „Riesenchance“. Fragt sich nur, für wen?

Ökumene: Papst lobt Protestantenverfolger

● Wie Papst Ratzinger wirklich zur Ökumene steht, das sieht man daran, dass er gerade erst am 29.5.11 auf dem Petersplatz beim traditionellen „Regina-Caeili-Gebet“ ausdrücklich Karl Borromäus als einen der „Heiligen“ hervorhob, „der ganzen Städten Hoffnung und Frieden gebracht“ habe. Karl Borromäus (1538-1584), Erzbischof von Mailand, war in Wahrheit ein glühender Gegenreformator, ein Inquisitor und fanatischer Verfolger der „protestantischen Ketzerei“, dessen gnadenlose Vorgehensweise selbst bei manchen eigenen Klerikern verhasst war. 1583 hat er in einem Schweizer Alpental z.B. elf Protestanten, zehn Frauen und einen Mann, bei lebendigem Leib verbrennen lassen. Borromäus wurde tatsächlich bereits 1610 heiliggesprochen und ist seitdem der offizielle katholische „Schutzpatron“ der Seelsorger und Priesterseminaristen. Soviel zum Thema Ökumene.

● Doch das Wunschkonzert geht weiter. Der Katholik Josef Winkler von den Grünen wünscht sich „eine große Geste“: ein „Treffen des Papstes mit Missbrauchsopfern“ (ebenfalls bei katholisch.de, wir haben es beigelegt.) Doch wem nützt so etwas? Hat sich Josef Winkler schon einmal gefragt, was die Opfer davon haben? Von einer „großen Geste“ kann keines der Opfer eine Therapie bezahlen – und genau hier knausert die Vatikankirche bekanntlich.

Sexualverbrechen: Die Vertuschung geht weiter

● Und die Vertuschung von Sexualverbrechen wird wohl genauso weitergehen. Daran ändert auch das Rundschreiben Kardinal Levadas vom 16.5.2011 nichts, denn dieses führt keineswegs dazu, dass solche Verbrechen stets der Staatsanwaltschaft angezeigt werden. Es spricht lediglich davon, dass „die staatlichen Rechtsvorschriften bezüglich einer Anzeigepflicht für solche Verbrechen immer zu beachten“ seien. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit in einem demokratischen Rechtsstaat! Doch in vielen Ländern gibt es eine solche Anzeigepflicht gar nicht. Und die Pflicht zur „päpstlichen Geheimhaltung“ bleibt ausdrücklich weiter in Kraft!

● Das hat auch der katholische Theologe Hans Küng längst erkannt, der sich gegenüber der Zeit vom 26.5.2011 zum Problem klerikaler Sexualverbrechen wie folgt äußert:

„Da geht es um schlimme Auswüchse verdrängter Sexualität und um ein System, das solche Entwicklungen erst provoziert und schließlich systematisch vertuscht.“

● Wie recht er damit hat, wird durch die Tatsache bestätigt, dass der katholische Missbrauchsskandal inzwischen bereits den zweiten Mann im Vatikan erreicht hat. Wie die spanische Zeitung El País am 25.5.11 berichtet, war der heutige Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone zuvor einer der drei (!) Erzbischöfe von Genua, die allesamt den Priester Riccardo Seppia gewähren ließen, der nun wegen versuchter Vergewaltigung, Verführung zur Prostitution und Weitergabe von Kokain im Gefängnis sitzt. Seppia war lediglich von einer Pfarrei in die nächste versetzt worden, ohne dass irgendwelche sonstigen Sanktionen gegen ihn verhängt worden wären.

Gebet am Grab eines Faschistenfreundes
● Und was tut derweil der erste Mann im Vatikan? Joseph Ratzinger zieht seinen Stellvertreter keineswegs zur Rechenschaft. Denn im Vatikan werden schließlich noch ganz andere Kaliber sogar selig und heilig gesprochen – und man betet an ihren Gräbern. So, wie Papst Ratzinger Anfang Juni bei seinem Besuch in Kroatien am Grab des von seinem Vorgänger selig gesprochenen Kardinal Alojzije Stepinać beten wird. Stepinać war während des Zweiten Weltkriegs der oberste Militärvikar der katholisch-faschistischen Ustascha-Milizen, die mehrere hunderttausend orthodoxe Serben grausam ermordeten. Stepinać unterstellte Geistliche, vor allem Franziskaner, beteiligten sich persönlich an den Mordaktionen (1941-43), ohne dass dieser jemals öffentlich gegen den Völkermord protestiert hätte. Im Gegenteil: Stepinać dankte den Franziskanern noch 1943 für deren „Verdienste“ bei der „Bekehrung“ der Orthodoxen. Der oberste aller kroatischen Katholiken ließ den Geburtstag des Faschistenführers und Massenmörders Ante Pavelić in allen Kirchen feiern und ihm ein Te Deum singen. Nicht einer der katholischen Massenmörder wurde jemals exkommuniziert. Joseph Ratzinger betet jedoch nicht nur am Grab dieses historisch höchst belasteten Kirchenmanns, er hat auch soeben denjenigen seliggesprochen, der für die skandalöse Seligsprechung des Faschistenfreundes Stepinać verantwortlich war: Karol Wojtyła alias Johannes Paul II. Noch einmal zur Erinnerung: „Selige“ sind aus katholischer Sicht Vorbilder, denen jeder Katholik nacheifern sollte ...

Wem dient der Bundestag?

Wenn man all dies bedenkt, so ergibt sich ein Gesamtbild: Es erscheint immer mehr als logische Konsequenz, dass ein Parlament, dessen Mitglieder sich in ihrer Mehrheit offensichtlich weniger der Demokratie und der religiös-weltanschaulichen Neutralität als den Institutionen Kirche verpflichtet fühlen, einen Mann wie Joseph Ratzinger einlädt – einen Mann, dessen Kultreligion in fataler Weise an den Kult Baals erinnert: Dieser Baal nämlich ist der Gott der Priesterkasten aller Zeiten, die seit Jahrtausenden die Menschen durch Einschüchterung, Drohungen, Manipulation und bisweilen auch blanke Gewalt in Abhängigkeit zu halten versuchen.

Mit freundlichen Grüßen,



(Matthias Holzbauer)

P.S.: Wir werden diesen Brief, den wir auch an Ihre Abgeordneten-Kollegen gesandt haben, auch im Internet veröffentlichen.