Freie Bürger für demokratische Werte

Der Rücktritt Wulffs und die Kirche

Brief an einige Bundestagsabgeordnete

Der Zapfenstreich ist verklungen, Christian Wulff ist in den vorzeitigen „Ruhestand“ verabschiedet worden. Doch ist die Sache damit erledigt?

Haben wir schon erfasst und sortiert, was hier wirklich abgelaufen ist? Ging es da wirklich gerecht zu? Oder haben diejenigen recht, die sagen: Wenn man einen Politiker loswerden will, aus welchen Gründen auch immer, dann findet man schon etwas bzw. zieht aus der richtigen Schublade zur rechten Zeit das passende Dossier heraus? Solange alles glatt läuft, lässt man es stecken.

Was tatsächlich von den Vorwürfen gegen Wulff am Ende übrig bleibt, müssen die derzeit laufenden Ermittlungen erst noch zeigen. Politiker früherer Jahre und Jahrzehnte hatten in Deutschland jedenfalls schon ganz andere Dinge auf dem Kerbholz, ohne dass sie dafür jemals belangt wurden. Denken wir nur an die notorischen Waffenschiebereien eines Fran-Josef Strauß. Und auch den bayerischen „Spitzen“-Politikern, die z.B. vor nicht allzu langer Zeit der Bayerischen Landesbank und damit letztlich dem Steuerzahler durch eine Mischung aus Naivität und Spezlwirtschaft Milliardenverluste verursachten, blieb eine monatelange öffentliche Treibjagd und Demütigung erspart, wie sie nun gegen Christian Wulff veranstaltet wurde.

Aber all diese Herrschaften haben eines gemeinsam: Sie haben nicht gegen die Macht des schwarzen Rosenkranzes aufgemuckt. Diesbezüglich hätte ich mir von Politikern wie Ihnen, die sich für eine Trennung von Kirche und Staat einsetzen und sich im Getriebe der Politik eine unabhängige Meinung bewahrt haben, mehr Wachsamkeit gewünscht.

Es ist natürlich immer schwer, hier etwas zu beweisen. Doch uns ist einiges aufgefallen, was nicht unausgesprochen bleiben soll. Den Startschuss für die Diskussion um Wulff gab beispielsweise nicht erst die Bild-Zeitung Ende Dezember. Den gab schon Ende September ein katholischer Prälat. Es war der Wallfahrtsdirektor von Maria Vesperbild im bayerischen Schwaben, Prälat Wilhelm Imkamp, der laut Focus vom 30. September 2011 den damaligen Noch-Bundespräsidenten Wulff ungewöhnlich scharf angriff. Die Begrüßungsworte Wulffs an den in Berlin eintreffenden Papst seien, so Imkamp wörtlich, eine „Grenzüberschreitung“ gewesen.

Christian Wulff hatte dem Papst bereits auf dem Rollfeld bei der Begrüßung unangenehme Fragen gestellt: Wie barmherzig die Kirche „mit den Brüchen in den Lebensgeschichten von Menschen“ umgehe – und auch „mit den Brüchen in der eigenen Geschichte“. Dass der Katholik Wulff als Geschiedener wieder geheiratet hat, stellt aus Sicht des katholischen Dogmas „Ehebruch“ dar und führt dazu, dass Wulff nach kirchlicher Lehre von den Sakramenten ausgeschlossen, also exkommuniziert ist. Dazu kommt noch, dass das gemeinsame Kind von Wulff und der Protestantin Bettina nicht katholisch, sondern lutherisch getauft wurde. Damit jedoch wird dem Kind aus katholischer Sicht der Zugang zum „vollen Heil“ verwehrt.

In den Augen des Prälaten Imkamp hatte Wulff damit sein politisches Amt und dessen Möglichkeiten missbraucht, um, so wörtlich, „seine persönlichen Probleme mit und in der Kirche zu thematisieren“. Und Imkamp fuhr fort: „Sünde und Schuld müssen vergeben und nicht wegdiskutiert werden.“ Das heißt: Ein katholischer „Laie“, zumal einer im Stand der katholischen „Sünde“, hat gefälligst den Mund zu halten, wenn der Papst (oder ein Prälat) den seinigen öffnet.

Nun ist Prälat Imkamp nicht irgendwer. Laut Focus ist er ein „Vatikan-Berater“, denn er berät den Vatikanischen Rat für die Heilig- und Seligsprechung sowie die vatikanische Gottesdienstkongregation. Er tritt auch gerne als Vertreter der Kirche in Talkrunden des deutschen Fernsehens auf. Doch Christian Wulff ließ sich dadurch nicht beirren. Bei der Verabschiedung des Papstes kam er zwischen den Zeilen noch einmal auf seine kritischen Fragen zurück. Er wünsche sich, so der Bundespräsident, dass „die Kirche den Menschen nahe bleibt“, und dass Joseph Ratzinger die Fragen, „die in den vergangenen Tagen“ an ihn „herangetragen wurden, weiter bewegen“ solle. Und er fügte hinzu: „Wir kennen die Kraft Gottes, die Menschen zu allen Zeiten überrascht hat.“

Wer Ohren hatte, zu hören, der wusste genau, was Wulff damit meinte. Und es war mehr als offensichtlich, dass er als gewählter deutscher Bundespräsident nicht im Traum daran dachte, die ihm von linientreuen Kirchenvertretern zugedachte Rolle des demütigen Sünders zu spielen, der auf eigene Meinungen verzichtet, sobald der Papst auch nur in der Nähe ist. Damit zog er sich auch den Zorn des Kölner Kardinals Joachim Meisner zu, der wenige Tage vor Weihnachten 2011 Wulff empfahl, falls die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zuträfen, keine Weihnachtansprache zu halten, sondern öffentlich zu bekennen: „Ich bin ein armer Sünder, ich habe versagt“ und dann zurückzutreten. (Welt, 21.12.11)

Auch die erste öffentliche Rücktrittsforderung kam also von einem Kirchenmann. Doch hätte dann der Kardinal nicht zuallererst den Rücktritt des Papstes fordern müssen? Joseph Ratzinger hatte bereits als Kardinal ein weltweites Vertuschungssystem von Kinderschänderverbrechen zu verantworten. Und er ist auch hauptverantwortlich dafür, dass in der Kirche bis heute ein Kondomverbot in Kraft ist, das ungezählten Menschen vor allem in Afrika Krankheit und Tod brachte.

Ein zweiter Faktor, der in der Diskussion wenig Beachtung fand, ist das Eintreten Wulffs für den Islam. Günter Wallraff, ein kritischer und unbestechlicher Beobachter der bundesrepublikanischen Wirklichkeit, erinnerte sich im Januar 2012 gegenüber der Frankfurter Rundschau (12.1.12): „Über Jahre war Bild Wulffs Hofberichterstatter. Bis er sagte, der Islam gehöre zu Deutschland. Da setzte zum ersten Mal eine kritische Berichterstattung ein.“ Bild gehört bekanntlich bis heute zu den „Hofberichterstattern“ des Papstes und hatte für diesen während seines Besuches in Deutschland im September 2011 sogar ein Riesen-Transparent („Wir sind Papst!“) auf dem Verlagshochhaus in Berlin angebracht.

Die Anerkennung von Mitbürgern muslimischen Glaubens als gleichberechtigte Kräfte der Gesellschaft führte zwar dazu, dass Wulff dort auch nach seinem Rücktritt bis zur Stunde noch sehr beliebt ist – doch er machte sich dadurch nicht nur Freunde, auch in der Kirche nicht. Der Papst selbst ließ sich auf seiner ersten Reise nach Deutschland in seiner Aufsehen erregenden Regensburg-Rede bekanntlich zu islamkritischen Zitaten hinreißen.

Vielleicht war dieses öffentliche Schauspiel ja auch eine Art Warnung an alle, die noch Karriere machen wollen: Wer nicht tut, was die Mächtigen in Kirche, Staat und Massenmedien wollen, dem wird es früher oder später ebenso oder ähnlich ergehen. Doch was sagt das dann für unsere Demokratie? Wer war und ist bereit und in der Lage, in so einer Situation Zivilcourage zu zeigen und – unabhängig von parteipolitischer Taktik – derartigen Manipulationsversuchen einen Riegel vorzuschieben?

Mit freundlichen Grüßen,



(Matthias Holzbauer)