Freie Bürger für demokratische Werte

Herrn Dr. Frank-Walter Steinmeier MdB

Herrn Dr. Frank-Walter Steinmeier MdB
Platz der Republik 1
11011 Berlin11. Juli 2011
Sehr geehrter Herr Dr. Steinmeier,

Ihre Referentin, Frau Dörte Dinger, hat mir dankenswerterweise einige Ihrer Gedanken zum Thema „Papstrede“ übermittelt.

Ich muss immer wieder staunen, wie „blauäugig“ viele Lutheraner an das Thema Papst und vatikanische Kirche herangehen. Gestatten Sie mir als ehemaligem Katholiken hierzu noch ein paar wenige Bemerkungen.

Sie berufen sich auf den „Dialog“, den Sie dem Papst „nicht verweigern“ wollen. Sondern Sie wollen ihm „zuhören“. Doch zu einem Dialog gehören immer zwei, und ein Mann wie Joseph Ratzinger wird sich auf einen solchen Dialog mit Sicherheit nicht einlassen.

Und wer ihm „zuhören“ möchte, der kann das jeden Tag tun, indem er im Internet z.B. Radio Vatikan anklickt. Neulich sagte Joseph Ratzinger laut Radio Vatikan in der Lateranbasilika: „Der Glaube darf nicht aufgezwungen, sondern nur vorgeschlagen werden.“ Einmal abgesehen davon, dass die gesamte Kirchengeschichte bis tief hinein ins 20. Jahrhundert diese Aussagen Lügen straft – in derselben Rede sagte derselbe Mann auch, die Eltern „sollten nicht zögern, ihr Kind schon kurz nach der Geburt taufen zu lassen.“ Doch was ist die Säuglingstaufe anderes als der Urtyp der Zwangsvereinnahmung? Man stelle sich vor, ein Fußballverein oder eine politische Partei würde schon Säuglinge mit einer Zwangsmitgliedschaft überfallen. Wie würde die Gesellschaft darauf reagieren? Würde man nicht sagen: „Das verstößt gegen die Menschenwürde“?

Nach der Lehre der Kirche ist die Taufe an unmündigen Säuglingen jedoch ein „untilgbares Prägemal“, so das Kirchenrecht. Nach Aussage mehrer Bischöfe stellt die Taufe im Menschen eine Art „katholischer DNS“ dar, die nicht gelöscht werden kann – eine Art unsichtbarer Genmanipulation sozusagen. Und dieses katholische Gen, das offenbar bei der Taufe in die Seele des wehrlosen Säuglings hineinoperiert wird, das wirkt dann nach unfehlbarer katholischer Lehre wie ein Brandzeichen, das einer Viehherde (oder über viele Jahrhunderte auch den Sklaven) aufgedrückt wird bzw. wurde. Im Grunde ist dies doch schwarze Magie, wie wir sie normalerweise nur aus Gruselfilmen kennen, wo dämonische Mächte eine Seele in Besitz nehmen und damit drohen, sie zu vernichten, wenn sie den Dämonen nicht gehorcht.

Und um das zu erreichen, wird kräftig Angst gemacht: Nicht nur der ungetaufte Säugling, auch die Eltern, die ihn nicht zur Taufe bringen, werden mit der ewigen Hölle bedroht – und auch der Erwachsene, der den Mut hat, auszutreten. Da haben dann die eigens herbeigerufenen Angst-Dämonen ihre helle Freude daran! Wie ist bei solch abstrusen Lehren ein echter „Dialog“ möglich?

Für mich stellt es sich eher so dar: Wenn der Bundestag weiter daran festhält, den Papst reden zu lassen, dann kommt dies für aufrichtige deutsche Demokraten der Einführung einer Art „Dämonkratie“ in unser Vaterland gleich. Genauso gut könnte der Papst dann noch seinen geschätzten Chef-Exorzisten Gabriele Amorth in den Bundestag mitbringen, damit dieser gleich die „Teufel“ austreibt. Schließlich gibt es in diesem Gremium aus katholischer Sicht genügend „ewig Verdammte“ ...

Der Eindruck auf die Öffentlichkeit dürfte jedenfalls verheerend sein. Es könnte bei all dem fast den Anschein haben, als ob Deutschland immer mehr von bigotten Reaktionären regiert wird, die für die eigentlichen Probleme keinen Blick mehr haben. Die zwar vor einem Weltmissionar auf Dienstreise „Respekt“ haben, doch nicht wahrnehmen, was dies z.B. für die Opfer der Kinderschänderverbrechen bedeutet, für deren Täter ebendieser Papst den Schirmherr eines weltweiten Vertuschungssystems abgibt. Für die Opfer, denen dadurch der Weg in eine „humane, zukunftsfähige Gesellschaft“ verbaut wurde, ist dies ein Schlag ins Gesicht. Ob das im von Ihnen zitierten SPD-Parteiprogramm so gemeint war?

Es wird Zeit zu erkennen: Nicht nur für die Opfer von Sexualverbrechen, auch für unsere Demokratie insgesamt sind solche Kirchenvertreter keine „unverzichtbaren Partner“ – sondern höchst verzichtbare.

Mit freundlichen Grüßen



(Matthias Holzbauer)

Eine Kopie dieses Briefes, der auch im Internet veröffentlicht wird, geht an die Laizisten in der SPD