Freie Bürger für demokratische Werte

Keine Steuergelder für das Reformationsjubiläum

Herr (Nachname),

wie die Presse berichtet, hat der Deutsche Bundestag am 20. Oktober 2011 einstimmig beschlossen, den 500. Jahrestag des Beginns der Reformation im Jahr 2017 als „Ereignis von Weltrang“ einzustufen. Die Bundesregierung wurde aufgefordert, dieses Jubiläum auch finanziell zu fördern. Laut KNA berichtete Ministerpräsident Reiner Haseloff, dass Sachsen-Anhalt bereits 75 Millionen Euro bereitgestellt habe.

Aus Sicht der Freien Bürger für demokratische Werte ist jegliche staatliche Subventionierung kirchlicher Veranstaltungen, seien es Papstbesuch oder Reformationsjubiläum oder andere, gleichermaßen unbegründet und zu unterlassen – nicht zuletzt, weil es sich bei den Großkirchen um wahrlich steinreiche Organisationen mit einem geschätzten Vermögen von zusammen 500 Milliarden Euro handelt.

Doch abgesehen davon: Was unterstützt man hier? Ohne Zweifel war die Reformation ein wichtiges historisches Ereignis. Doch welche „spirituelle Kraft“ (Reiner Haseloff) soll davon ausgegangen sein bzw. noch ausgehen? Welche „Prägekraft ... für unsere Gesellschaft“ (Siegmund Ehrmann) hat die Reformation wirklich entfaltet?

Gerade wenn man Deutschland international als „Kulturnation“ (Cornelia Pieper) darstellen will, so wäre es wesentlich, diesen länger zurückliegenden Abschnitt deutscher Geschichte und seine dunklen Kapitel einmal ebenso gründlich aufzuarbeiten, wie dies mit der NS-Zeit bereits geschehen ist.

Dies betrifft insbesondere die Person Martin Luthers, die vermutlich einmal mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen soll und wird. Die Grünen-Abgeordnete Agnes Krumwiede hat die „Schattenseiten“ des Reformators, insbesondere seinen Antijudaismus, in der Debatte bereits erwähnt. Allein dieser zuletzt genannte Punkt hätte eigentlich Anlass geben müssen, innezuhalten und zu fragen: Kann es sich die „Kulturnation“ Deutschland gegenüber dem Ausland wirklich leisten, mit staatlichen Geldern einen Antijudaisten zu feiern, auf den sich sowohl Adolf Hitler als auch Julius Streicher ausdrücklich berufen haben? Hat man sich das wirklich gut überlegt?

Welcher inhaltliche Unterschied besteht denn, wenn Luther in seiner Hetzschrift „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543) z.B. schreibt:
„Ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding ist`s um diese Juden, so diese 1400 Jahre unser Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen.“
... und wenn Streicher dies dann auf die kurze Formel bringt: „Die Juden sind unser Unglück“?

Doch die „Prägekraft“ Luthers „für unsere Gesellschaft“ beschränkte sich nicht bloß darauf. Hier nur einige wenige weitere „Kostproben“:

Luther gegen die Bauern: „Steche, schlage, würge hie, wer da kann. Bleibst du darüber tot, wohl dir, einen seligeren Tod kannst du nimmermehr erlangen.“

Luther gegen die Ausländer: „Weil die Christen ... zum Streit wider die Türken gefordert und berufen werden, sollen sie ... mit Freuden die Faust regen und getrost dreinschlagen, morden, rauben und Schaden tun so viel sie immer mögen.“

Luther gegen katholische Theologen: "So wir Diebe mit Strang, Mörder mit Schwert, Ketzer mit Feuer strafen, warum greifen wir nicht viel mehr an diese schädlichen Lehrer des Verderbens als Päpste, Kardinäle, Bischöfe ... mit allerlei Waffen und waschen unsere Hände in ihrem Blut?"

Luther gegen Vertreter religiöser Minderheiten: "Will er predigen, so beweise er den Beruf oder Befehl ... Will er nicht, so befehle die Obrigkeit solchen Buben dem rechten Meister, der Meister Hans heißt (= dem Henker)."

Luther gegen die „Hexen“: "Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen ... Es ist ein gerechtes Gesetz, dass sie getötet werden."

Luther gegen Behinderte: "Wenn man aber von den teufelsähnlichen Kindern erzählt, von denen ich einige gesehen habe, so halte ich dafür, dass sie entweder vom Teufel entstellt, aber nicht von ihm gezeugt sind, oder dass es wahre Teufel sind."

Luthers Aufrufe sind Aufrufe zum Landfriedensbruch und zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Es ist also höchste Zeit den „Mythos Luther“ und seine naive touristische Vermarktung kritisch zu hinterfragen. Dazu gehört auch ein weiterer wesentlicher Punkt, der in der Diskussion meist ausgespart wird: Martin Luther leugnete den freien Willen des Menschen. In Anlehnung an Augustinus (übrigens auch ein Lieblings-Ideengeber des derzeitigen Papstes) hielt der ehemalige Augustinermönch Luther den Menschen für von Gott vorherbestimmt – im Guten wie auch im Bösen. Seine Seele werde entweder „von Gott geritten“ oder „vom Teufel“, ohne dass der Mensch dies ändern könne. Da unsere demokratische Verfassung jedoch auf den Grundrechten des Menschen gründet und dabei den freien Willen und die selbstbestimmten Entscheidungen des Menschen voraussetzt, ist diese lutherische Lehre im Grund verfassungsfeindlich.

Dass all dies auch mit christlichen Werten nichts zu tun hat, versteht sich von selbst. Wann distanziert sich die Evangelische Kirche klar von Martin Luther und seinen Schattenseiten?

Deutschland ist es seinem Ruf als international geachtete Kulturnation schuldig, dass es endlich die Gleichbehandlung aller Bürger, gleich welchen Glaubens, durchsetzt. Dazu gehört, dass keine Religion durch Milliardensubventionen des Staates bevorzugt wird. Papst Joseph Ratzinger hat bei seinem Besuch in Deutschland im Grunde bereits den Startschuss gegeben, indem er dazu aufrief, die Kirche solle ihre „Privilegien“ aufgeben. Hierbei geht es nicht nur um die Staatsleistungen der Bundesländer, sondern um weitere Subventionen wie Ausbildung der Theologen, Religionsunterricht, diverse Steuerbefreiungen usw., die sich nach unterschiedlichen Schätzungen auf 15-20 Milliarden Euro pro Jahr belaufen. Die Ablösung der Staatsleistungen an die Kirche ist seit über 90 Jahren ein nicht erfüllter Verfassungsauftrag. Und mittlerweile könnte er nach Berechnungen von Experten wie Carsten Frerk umgesetzt werden, ohne dass der Staat noch eine Abfindung bezahlen müsste, im Gegenteil: Eigentlich müsste die Kirche umgekehrt längst etliche Milliarden zurückbezahlen.

Neben einer mutigen Aufarbeitung der Vergangenheit wäre ein entschlossener Schlussstrich unter das skandalöse Subventions-Unwesen im Staat-Kirchen-Verhältnis ein wichtiges und richtungweisendes Signal, ja im übertragenen Sinne eine „spirituelle Ausstrahlung“ im Sinne der Gerechtigkeit. Das wäre dann wirklich ein „Ereignis von Weltrang“ nicht nur für die Bürger im Inland, sondern auch für das Ausland, das aufmerksam auf uns blickt.

Mit freundlichen Grüßen,

Matthias Holzbauer