Freie Bürger für demokratische Werte

Kirchen "unverzichtbar"?

Herrn Dr. Frank-Walter Steinmeier MdB
Platz der Republik 1
11011 Berlin10. Februar 2012



Offener Brief

Sehr geehrter Herr Dr. Steinmeier,

Der Presse entnahm ich, dass Sie auf einer Tagung in Berlin die Kirchen als „für das Gemeinwesen unverzichtbar“ bezeichnet haben. Sie seien „glaubwürdig“ und „ein sehr starker Akteur mit vielen Ressourcen“.

Das mit den „Ressourcen“ mag ja tatsächlich stimmen. Doch woher stammen diese? Ich will jetzt nicht die historische Herkunft des Reichtums der Kirchen näher beleuchten – mit so wenig appetitlichen Details wie Zwangszehnt, Ausbeutung, Urkundenfälschung, Erbschleicherei oder beschlagnahmten Vermögen von Inquisitions- und Hexenopfern. Es genügt schon, sich die gegenwärtige Finanzierung vor Augen zu halten: Zum einen ein staatlich gestütztes Kirchensteuersystem, das seit Hitlers Zeiten alle Wirtschaftsunter-nehmen verpflichtet, für jedes Kirchenmitglied in ihrem Betrieb Beiträge an die Kirchen abzuführen. Und zum zweiten ein fast undurchschaubares System von staatlichen Subventionen (geschätzt werden zwischen 15 und 20 Milliarden pro Jahr!), das zum Teil auf uralte Zeiten zurückgeht und längst abgeschafft gehört.

Der „starke Akteur“, das ist also in Wahrheit der deutsche Steuerzahler, der den Großkirchen von der Ausbildung der Theologen über den Religionsunterricht an staatlichen Schulen und die Militärseelsorge bis hin zu den Spitzengehältern der Bischöfe und sogar noch den Weihrauch an Domkirchen alles bezahlt. Die kirchlichen Sozialeinrichtungen, die bezahlt er – zum dritten –ohnehin noch zusätzlich, zu fast 100 Prozent.

Für die Staatskasse wären die Kirchen also in jedem Fall „verzichtbar“, um es vorsichtig auszudrücken. Das Engagement und die Hilfsbereitschaft ehrenamtlicher Mitarbeiter in den Kirchen sollen damit keineswegs in Abrede gestellt werden. Doch die gibt es anderswo auch, denn anderen zu helfen und tätig zu werden, das gehört Gott sei Dank zur „Grundausstattung“ ungezählter Menschen und ist nicht von einem Glauben abhängig.
Und wie sieht es sonst aus? Ist eine Institution wirklich „unverzichtbar“, die wie die Vatikankirche ein regelrechtes Vertuschungssystem von Sexualverbrechen ihrer Angestellten etabliert hat, mit dem sie Straftäter aus ihren Reihen systematisch der Strafverfolgung entzieht? Die geradezu ein paralleles Rechtssystem aufgebaut hat, das sie de facto über das staatliche stellt?

Sind Institutionen „unverzichtbar“, die (dies trifft bei näherem Hinsehen für beide Kirchen zu) nicht nur ihren Mitgliedern, sondern allen Menschen mit einer „ewigen Hölle“ drohen, wenn sie ihren Glauben nicht teilen und die Kirchenmauern verlassen? Die Vatikankirche bedroht vier Fünftel der Menschheit (und zwei Drittel der Deutschen) mit ewiger Verdammnis. Ich habe Ihnen zu Ihrer Information das bekannteste „Gebetbuch“ aus dem Vatikan beigelegt und einige Stellen eingemerkt, in denen Sie dies anderes schwarz auf weiß nachlesen können.

Oder ist eine Institution wie die Lutherkirche „unverzichtbar“, die sich bis heute nicht von ihrem Religionsgründer Martin Luther distanziert hat, der nicht nur in wüster Weise gegen die Juden, sondern auch gegen „Ketzer“ (wie die Täufer), gegen Bauern, Türken, Hexen und sogar gegen behinderte Kinder gehetzt hat. Der in seiner Lehre ausdrücklich den freien Willen des Menschen geleugnet hat – den freien Willen, der eine Grundvoraussetzung darstellt für die Mündigkeit des Bürger, die in unserer Verfassung grundgelegt ist. Ist eine solche Institution nicht sogar gefährlich für unsere Demokratie, für unseren Rechtsstaat?

Wenn derzeit in Deutschland darüber diskutiert wird, ob der Verfassungsschutz Parlamentarier der Linkspartei beobachten darf – müsste man da nicht aus Gerechtigkeitsgründen auch darüber nachdenken, ob die Lehre und das Wirken der Großkirchen in jeder Beziehung mit unserer Verfassung vereinbar sind?

„Unverzichtbar“? Oder, im Gegenteil, eine schwere Hypothek für ein Gemeinwesen, in fiskalischer wie auch mentaler Hinsicht? Auf die Frage, inwieweit die Kirchen wirklich, wie Sie auf der Tagung behauptet haben, eine „christliche Botschaft“ verbreiten, bin ich noch gar nicht eingegangen. Das wäre in der Tat ein Thema für sich. Der Pazifist Jesus von Nazareth, der von Seiner Hände Arbeit lebte und seine Mitmenschen ermahnte, keine Schätze anzuhäufen, die Motten und Rost fressen – was hätte Er auf dieser Tagung wohl zu all dem gesagt? Und was werden die Wähler sagen, die sich über all diese Zusammenhänge kritisch informieren?

Mit freundlichen Grüßen



(Matthias Holzbauer)