Freie Bürger für demokratische Werte

Nachlese zum Papstbesuch: Papst ist kein Grüner

Nachlese zum Papstbesuch: Der Papst ist kein Grüner


Oktober 2011
Er war noch gar nicht ganz weg, da verschwand er auch schon sang- und klanglos von den Titelseiten vieler Gazetten. Und selbst die „gut katholischen“ Blätter gaben sich in ihren Leitartikeln keine große Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. So mancher Abgeordnete, der für die Rede des Papstes im Parlament gestritten und die wegbleibenden Kollegen öffentlich abqualifiziert hatte, wird sich wohl insgeheim die Frage gestellt haben, ob es das wirklich wert war.

Diejenigen, die seine Rede mit dem Hinweis auf das angebliche „Staatsoberhaupt“ Ratzinger verteidigt hatten, strafte der Pontifex gleich zu Beginn höchstpersönlich Lügen mit dem Satz: „Die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt.“ Enttäuscht blieben auch die Protestanten zurück, die auf irgendein Entgegenkommen gehofft hatten, ebenso die kritischen Katholiken oder die Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester – bis auf fünf Handverlesene, die wohl dafür „belohnt“ wurden, trotz des an ihnen verübten „Seelenmords“ in dieser Kirche geblieben zu sein.

Und auch der „einzige Szenenapplaus“ (Der Stern, 22.9.11)

während der Rede erweist sich bei näherem Hinsehen als dreist erschlichen. Denn Joseph Ratzinger ist ebensowenig ein „Grüner“, wie seine Kirche, die jahrhundertelang Natur- und Tierverachtung gepredigt hat, etwas für die Schöpfung übrig hat. Als die namhaften Umweltschützer Hubert Weinzierl, Bernhard Grzimek und Enoch zu Guttenberg 1978 den damaligen Münchner Kardinal Ratzinger aufsuchten, um ihn um die Einsetzung eines katholischen Umweltbeauftragten zu bitten, gab der Kardinal zur Antwort: „Wir haben gerade erst den Galilei überwunden, und jetzt kommen Sie schon wieder mit etwas Neuem“ (Süddt. Zeitung, 15.7.09). Und kurz nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl schickte – vor genau 25 Jahren – Papst Wojtyla niemand anderen als Kardinal Ratzinger nach Bayern, um die im bayerischen Klerus zaghaft aufkeimende atomkritische Diskussion schleunigst zu beenden: „Kirchliche Amtsträger dürften nicht, so Ratzinger, in der Debatte um die Atomenergie ‚Orakel spielen’ und ‚von oben her’ mit einer Sachkompetenz sprechen, die ihnen nicht zukomme“ (Der Spiegel, 29.9.1986).

Die päpstliche PR-Aktion, für die sich der deutsche Staat mit vermutlich dreistelligem Millionenaufwand hergab (der „teuerste Staatsbesuch, den es in Deutschland je gab“, Die Zeit), ist vorbei. Was bleibt, ist die nüchterne Erkenntnis: Dieser Papst hat offenbar ganz andere Ziele, als viele noch immer in ihn hineinprojizierten. Welche dies sind, das können Sie, so sie möchten, im beiliegenden Interview

mit Alan Posener nachlesen. Das Wohlergehen irgendwelcher Völker und Nationen ist dem Vatikan bei der Verfolgung seiner Machtinteressen schon immer einerlei gewesen. Das beweist die Geschichte – auch die deutsche. Der preisgekrönte Schriftsteller Karlheinz Deschner zeigt in beiliegendem Artikel

auf, was z.B. Pius XII. – den Herr Ratzinger unbedingt „selig“ sprechen möchte – für Leichen im Keller hatte. Der Holocaust, zu dem er beharrlich schwieg, ist nur eine von vielen ...

Was für einem Mann ist die Mehrzahl der Parlamentarier hier auf den Leim gegangen? Auch dazu noch eine kurze Nachlese: Kurz vor dem Papstbesuch strahlte 3Sat erstmals den Film „Der deutsche Papst“ aus (18.9.11, 21.45 Uhr). Man sah ihn als Kardinal Ratzinger, wie er freudig die Öffnung der Inquisitionsarchive verkündete und wie folgt kommentierte:

„Jetzt haben wir ja unser Archiv Gott sei Dank nach mühsamen Vorarbeiten eröffnen können und freuen uns, dass gerade auch nicht-gläubige Historiker sagen: Also ganz so schlecht war die Inquisition auch wieder nicht. Sie war eigentlich der zeitgenössischen Justiz voraus, weil sie Verteidigungs-möglichkeiten, Anhörungspflicht usw. geschaffen hat. Machen wir uns nichts vor: Vieles waren Fehlurteile, vieles ist schiefgelaufen. Aber eine Suche nach Gerechtigkeit ist doch dagewesen, und ich glaube, die Öffnung des Archivs wird vielleicht, soweit die Leute zuhören wollen, ein bisschen was von den dunklen Schatten aufhellen können.“ Kommentar überflüssig.

Mit freundlichen Grüßen,

(Matthias Holzbauer)