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Offener Brief an Kretschmann: Kirchenprivilegien

Brief an Kretschmann vom 12.2.2013

Sehr geehrter Herr Kretschmann,

ich staunte, als ich in der lokalen Zeitung am 9. Februar 2013 ein Interview fand, das Sie mit dem Evangelischen Pressedienst führten. Sie stellten darin rundweg die Behauptung auf: „Die Kirche besitzt keine Privilegien.“

Ihnen eilt ja (sicherlich zu Recht) der Ruf voraus, sehr nachdenklich und belesen zu sein. Doch sind Sie wirklich ganz sicher, dass Sie nicht in diesem Punkt – so wie viele in unserer Gesellschaft – einiges an kirchlichen Ausreden und Fehlinformationen weitergeben, ohne es wirklich zu hinterfragen und auf seinen Wahrheitsgehalt abzuklopfen?

Nehmen wir nur die Kirchensteuer. Es ist ja richtig, dass die Kirche für den Einzug durch den Staat eine gewisse Summe zahlt. Doch was meist verschwiegen wird: Die Buchhaltungen sämtlicher Wirtschaftsunternehmen müssen ohne jede Gegenleistung diese Beträge ihrer Mitarbeiter Monat für Monat ausrechnen und weitergeben. Und seit wann? Seit 1933! Müsste sich der deutsche Staat nicht eigentlich schämen, ausgerechnet hier das Hitlerkonkordat weiter gelten zu lassen und dafür auch noch in verfassungsmäßig äußerst bedenklicher Weise den Arbeitnehmer zu zwingen, seine religiöse Überzeugung auf der Steuerkarte angeben zu lassen? Ein Vergleich mit z.B. Österreich zeigt übrigens, das dieser Einzug per ordre de mufti durchaus ein Privileg ist: Dort klagt die Kirche nämlich tausendfach gegen ihre eigenen Mitglieder weil sie diese bequemen Weg aus gutem Grund nicht hat. Wenn schon, dann wäre die Feigenblatt-Gegenleistung der Kirche an den Staat also ein Vielfaches mehr wert.

Als nächstes erwähnen Sie die Staatsleistungen, die Sie damit begründen, dass „die Kirchen enteignet wurden.“ Experten wie Carsten Frerk oder Dr. Gerhard Czermak haben längst herausgearbeitet, dass die Kirchen uns hier seit Jahrzehnten einen Bären aufbinden. Nicht „die Kirchen“ wurden ja enteignet, sondern allenfalls einige Klöster, die ihren Reichtum aber über Jahrhunderte auf höchst dubiose Weise erworben hatten – ich nenne nur die Stichworte Ausbeutung, Urkundenfälschung, Erbschleicherei, Feldzüge, Konfiskation von Opfern der Inquisition und der Hexenverfolgung usw. Man könnte da ein Buch drüber schreiben. Gehört das nicht mit zur historischen Wahrheit? Ansonsten wurden die reichsdeutschen Fürstbischöfe und Fürstäbte eben nicht enteignet, sondern man nahm ihnen nur die Regierungsgewalt wieder weg, die ihre Vorgänger Jahrhundert zuvor als Lehen erhalten hatten – von einem Reich, das gerade aufgelöst worden war. Der Immobilien- und Grundbesitz der einzelnen Ortspfarreien wurde jedoch nicht angetastet. Und die Zahlungen an die Kirchenfürsten wurden nur für deren restliche Lebensspanne zugesagt.

Die Kirchen machten daraus aber durch geschickte Vernebelung im Laufe der Jahrzehnte so etwas wie Dauerzahlungen. Doch auch diese (im Grunde erschlichenen bzw. durch geschickte „PR“ so hingedrehten) Zahlungen wären, nachdem ihre Beendigung zu Beginn der Weimarer Zeit in der Verfassung beschlossen war, inzwischen längst mehrfach abgelöst. Jegliche „Ablöse“, mit der man immer droht, ist damit hinfällig. Eher müssten die Kirchen an den Staat etwas zurückzahlen.

Sicher kann man in einem Interview nicht alles nennen. Aber ist es ein Zufall, dass Sie den Löwenanteil der Zahlungen des Staates an die Kirchen nicht genannt haben? Die Staatsleistungen machen davon nur einen kleinen Teil aus. Zählt man die Subventionen zusammen, die staatliche Stellen den Kirchen zukommen lassen – von Steuerbefreiungen über Religionsunterricht und Ausbildung der Theologen bis hin zu Militärseelsorge und Bischofsgehältern – so kommt man auf ca. 15 Milliarden jährlich. Da sind dann die Staatsleistungen zwar drin, nicht aber die Kirchensteuer und auch nicht die Sozialzuschüsse. Und welche Gegenleistungen bekommt die Allgemeinheit?

Sind denn die moralischen Leistungen der Kirche wirklich so groß, wie immer behauptet wird? Sexualverbrechen, Drohbotschaft mit der ewigen Verdammnis, Anhäufung von Macht und Reichtum, Hartherzigkeit gegen Vergewaltigungsopfer und wiederverheiratete Geschiedene ... Und dann werden Menschen, die aus dieser Kirche austreten, hundertfach aus Betrieben geworfen, die die Allgemeinheit bezahlt. Die Kirche ist schon seit der Antike hauptsächlich verantwortlich dafür, dass der von ihr maßgeblich bestimmte „Zeitgeist“ die Natur als bloße „Sache“ verachtete und den Tieren die unsterbliche Seele absprach. Warnungen vor einer drohenden Klimakatastrophe wurde gerade von Kirchenvertretern lange Zeit als „Panikmache“ abgetan. Ist das alles wirklich so vorbildhaft? Und ist das christlich? Hat das Jesus von Nazareth gelehrt? Zumindest einiges davon ist in einem Staat, in dem „strikter Laizismus herrscht“, wovor Sie warnen, tatsächlich besser. Und „fundamentalistische Tendenzen“, die Sie bei einer Trennung von Kirche und Staat befürchten, die gibt es doch längst auch bei uns – und gerade in den Kirchen!

Einerseits loben Sie die Kirche über den grünen Klee und verteidigen ihre staatliche Finanzierung. Andererseits kritisieren Sie im gleichen Atemzug einiges an der Kirche. Machen Sie sich da nicht etwas vor? Gerade öffentlich bekannte Menschen wie Sie, die die Kirche ein wenig kritisieren, sind doch den Kirchen am liebsten. Denn sie tragen dazu bei, dass Menschen, die längst Zweifel haben, ob diese Kirche dem Christentum entspricht, nach dem sie sich in ihrer Seele sehnen, dass diese Menschen weiterhin ihr Scherflein entrichten, weil sie denken: Ja, wenn der noch dabei ist ... Und die Kirchenoberen denken: Prima, wir haben ja immer noch Leute wie den Kretschmann, die unsere Privilegien so trefflich behüten und dem Volk brav unsere Bären aufbinden, dann können wir ja so weitermachen. Und sie werden so weitermachen. Garantiert. Das haben sie ja fast 2000 Jahre bewiesen.

Sie werden also eher das Gegenteil von Reformen erreichen.

Mit freundlichen Grüßen



(Matthias Holzbauer)
Diplom-Sozialwirt