Freie Bürger für demokratische Werte

Brief Alexander Dobrindt (CSU)

Alexander Dobrindt MdB
Platz der Republik 1
11011 Berlin

19.9.11

Sehr geehrter Herr Dobrindt,

in Ihrer Reaktion auf die Absicht einiger Abgeordneter, der Rede von Joseph Ratzinger im Bundestag fernzubleiben, haben Sie offenbar einiges durcheinandergebracht.

Sie glaubten offensichtlich, diese Situation für einen neuerlichen Rundumschlag in Wadlbeißer-Manier nützen zu müssen. Doch damit zeigen Sie nur Ihre bodenlose Respektlosigkeit und Intoleranz gegenüber den 71 Prozent der Deutschen, die nicht katholisch sind – und gegenüber den ungezählten aufrechten Demokraten aus zahlreichen anderen Parteien, die unsere Verfassung und die darin gebotene weltanschauliche Neutralität des Staates ernst nehmen und daher aus guten Gründen die Schaufenster-Rede eines Religionsführers im Parlament ablehnen.

Offenbar hat Ihre Partei – ebenso wie die katholischen Kardinäle und Bischöfe, die jetzt in schrillen Tönen gegen die Laizisten geifern – auch 20 Jahre nach dem Fall der Mauer noch immer nicht begriffen, dass wir nicht mehr in der alten Bonner Republik leben, in der die Kirche unwidersprochen nach Belieben die Fäden der Politik ziehen konnte. Wenn es nun aufrechte Bürger wagen, den Circus Maximus des Pontifex maximus nicht mehr mitzumachen, begegnen Sie diesen Mitbürgern mit aggressiver Ablehnung. Damit stehen Sie eindeutig in der Tradition der mittelalterlichen Drohbotschaft, die der Papst bis heute zu verbreiten versucht.

Sie übersehen dabei auch, dass es – unabhängig von unserer Verfassung – auch noch weitere Gründe gibt, die gegen eine solche Rede sprechen. Dass z.B. mit Joseph Ratzinger ausgerechnet der Hauptverantwortliche für ein weltweites Vertuschungssystem von Kinderschänderverbrechen im Bundestag sprechen soll, ist für ein demokratisch gewähltes Parlament mitnichten eine „große Ehre“, vielmehr eine große Schande! Ähnliches gilt für das bis heute aufrecht erhaltene todbringende Kondomverbot.

Wenn Sie dann der Linken indirekt vorwerfen, das Christentum „abschaffen“ zu wollen, dann verbreiten Sie nicht nur haltlose Polemik, sondern Sie verwechseln auch Christentum mit Katholizismus. Denn das Christentum, wie es Jesus von Nazareth wollte, das hat die Kirche schon längst abgeschafft, und zwar viel gründlicher, als das je ein Kommunist vermocht hätte. Jesus sprach: „Nur einer ist heilig – euer Vater im Himmel“. Wozu dann der Zirkus mit einem angeblich „Heiligen Vater“, der sich auch noch mit dem Titel des obersten römischen Heidenpriesters, „Pontifex maximus“, schmückt? Oder ist es etwa die Aufgabe eines Parlaments, dem Religionsführer aus Rom bei der Ablenkung von den kirchlichen Kinderschänderskandalen beizuspringen – von Verbrechen, wegen deren Vertuschung Joseph Ratzinger beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag inzwischen mehrfach angezeigt wurde?

Wer im Glashaus sitzt, sollte im übrigen nicht mit Steinen werfen. Sie unterschätzen offenbar das historische Gedächtnis Ihrer Mitbürger. Wer auf die ehemaligen Kommunisten einprügelt, der sollte sich vielleicht auch einmal die Frage stellen, was geschah, ehe es zur DDR kam. Welche Institution hat denn den Faschismus überall in Europa hofiert und unterstützt und damit die Katastrophe Mitteleuropas maßgeblich mit herbeigeführt? Weshalb sahen z.B. die katholische Zentrumspartei und die Bayerische Volkspartei – die Vorläuferin der CSU – 1933 keinen anderen Ausweg mehr, als sich aufzulösen? Weil Kardinalstaatssekretär Pacelli, der spätere Pius XII., unbedingt ein Konkordat von Hitler wollte und die eigene Partei kaltlächelnd im Stich ließ. Das ist die schäbige Haltung des Vatikan durch alle Jahrhunderte hindurch: Wie es den Völkern ergeht, ist den Päpsten völlig gleichgültig, solange es nur genügend katholische Laien gibt, die in gehorsamer Naivität das umsetzen, was der Vatikan gerade im Schilde führt.

Sehr geehrter Herr Dobrindt: Sie werden sich damit abfinden müssen, dass immer mehr Menschen das Spiel durchschauen, das Sie möglicherweise selbst noch nicht ganz durchblicken.

Mit freundlichen Grüßen



(Matthias Holzbauer)