Freie Bürger für demokratische Werte

Brief an Volker Kauder

Herrn Volker Kauder MdB
Platz der Republik 1
11011 Berlin30.6.11
Sehr geehrter Herr Kauder,

Ihre Reaktion auf die Kritik an der Papstrede aus den Reihen sozialdemokratischer Laizisten ist leider Ausdruck von weltanschaulicher „Intoleranz und politischer Unvernunft“, um in Ihrem Sprachgebrauch zu bleiben. Wir leben schließlich in einem Land, in dem mehr als ein Drittel der Bevölkerung weder katholisch noch lutherisch ist. Sonntagsgottesdienste besucht nur mehr eine verschwindende Minderheit von etwa drei Prozent regelmäßig. Doch Sie wollen offenbar die Hegemonie der kirchlichen Priesterkaste weiterhin zementieren.

Dazu scheint auch die Papstrede im Deutschen Bundestag dienen zu sollen. Vertreter dieser verschwindenden Minderheit dominieren das Parlament und missbrauchen es zu einer Demonstration aggressiven kirchlichen Missionsdrangs. Denn der der Papst ist laut Präambel der Vatikan-Verfassung nur deshalb „Staatsoberhaupt“, um „Weltmission“ betreiben zu können.

Falls Sie es noch nicht mitbekommen haben: Laizismus ist keine Religion und schon gar nicht mit „aggressivem Atheismus“ gleichzusetzen. Dies ist reine Polemik von Ihrer Seite. Laizismus bedeutet, das Verhältnis von Staat und Religion auf eine saubere, gerechte und verfassungskonforme Weise zu gestalten, die insbesondere dem Gebot der weltanschaulichen Neutralität des Staates entspricht. Dies befürworten Menschen aus allen Glaubensrichtungen und Konfessionen. Nur die Kirchen wollen am bisherigen Filz festhalten, weil dieser ihnen jährliche Milliardensubventionen auf Kosten der Steuerzahler zuschanzt. Und Politiker wie Sie unterstützen das auch noch und laden einen Typus von Zeitgenossen ins Parlament ein, der Menschen mit der Androhung der ewigen Verdammnis zum Eintritt in seinen Verein zu erpressen versucht.

Und darauf sollen wir uns dann auch noch „freuen“. Die Steuerzahler sollen sich freuen, dass sie mit ihren Steuergeldern weiterhin zwei steinreiche Konzerne unterstützen, bis hin zu den immensen Gehältern von Kardinälen, Bischöfen und Landesbischöfen. Das ist beschämend!

Wachsame Bürger, deren Gehirne noch nicht von jahrelanger Indoktrination durch kirchlichen Religionsunterricht (auch auf Staatskosten) vernebelt sind, erwarten statt dessen von den verantwortlichen Politkern dieses Landes, in einem Beschluss klarzustellen, wie ihre Haltung gegenüber der Verfassung unseres Landes eigentlich ist. Wer ausgerechnet den Papst zu einer Rede einlädt, der drückt damit nicht nur eine Distanz zur verfassungsmäßig gebotenen Gleichbehandlung aller Glaubensrichtungen aus. Er vergisst auch, dass gerade bei Joseph Ratzinger in Bezug auf die Einhaltung der Menschenrechte einiger Klärungsbedarf besteht.

Der Vatikan, dessen „Staatsoberhaupt“ Sie im Bundestag reden lassen wollen, hat nicht nur die internationalen Menschenrechtserklärungen bis heute nicht unterzeichnet und missachtet die Gleichberechtigung der Frau. Er verweigert seinen Staatsangehörigen auch das Menschenrecht auf ein faires Rechtssystem, weil er keine Gewaltenteilung kennt.

Joseph Ratzinger zeichnete bereits als Kurienkardinal hauptverantwortlich für ein Vertuschungssystem, das klerikale Sexualverbrecher deckte und vor dem Zugriff staatlicher Behörden schützte. Abertausende von Opfern kirchlicher Sexualverbrechen und Misshandlungen warten bis heute vergebens auf Gerech-tigkeit und angemessene Entschädigung. Auf das Konto Joseph Ratzingers geht auch die Aufrechterhaltung des todbringenden Kondomverbots. Nicht zuletzt deshalb wurde der Papst in diesem Jahr beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ angezeigt.

Wenn Sie, Herr Kauder, dann ausgerechnet diesem Mann „eine Stimme für Frieden und Menschenrechte auf der ganzen Welt“ zusprechen, dann stellen Sie nicht nur die Tatsachen auf den Kopf. Dann verhöhnen sie auch die Opfer diese Kirche aufs neue – Opfer, in deren Leben dieser Zeitgenosse tatsächlich zu „einer der wichtigsten Personen dieser Welt“ wurde – allerdings in einem ganz anderen Sinne, als Sie dies gemeint haben dürften.
Würden Sie etwa Ihre Enkel der Kirche des Papstes und deren Lüstlingen zur Verfügung stellen? Vermutlich nicht. Doch dann muten Sie bitte auch den demokratisch gesinnten Bürgern dieses Landes, die sich an höheren ethischen Maßstäben orientieren, nicht ein solches Schauspiel zu.

Mit freundlichen Grüßen

(Matthias Holzbauer)