Freie Bürger für demokratische Werte

Brief Bischof Müller: "Recht auf Dummheit"

Herrn Bischof
Gerhard Ludwig Müller
Niedermünstergasse 1
93047 Regensburg

19.9.11


Werter Herr Bischof,

mit großer Aufmerksamkeit habe ich Ihre Reaktion auf die Kritik am Besuch des Papstes und insbesondere an dessen Rede im Bundestag zur Kenntnis genommen. Sie bezeichneten den Vorschlag, das Geld für den Besuch besser für soziale Zwecke zu verwenden, etwa für hungernde Kinder in Afrika, als „scheinheilig“. Den Kritikern gehe es in Wahrheit nur darum die Kirche zu „attackieren“.

Die Existenz von Menschen, die es wagen, eine Trennung von Staat und Kirche und die Einhaltung der Verfassung zu fordern, scheint Ihnen ein Dorn im Auge zu sein. Um diese Menschen zu attackieren, führen Sie das scheinheilige Argument an, das „karitative Engagement“ der Kirchen sei „enorm“. Enorm sind in Wahrheit die staatlichen Zuschüsse, mit denen dieses Engagement zu fast 100 Prozent finanziert wird.

Auf die Kritik an der Rede eines mit totalitärer Vollmacht regierenden Alleinherrschers in einem demokratisch gewählten Parlament reagieren Sie mit dem Spruch: „In Deutschland hat jeder auch das Recht auf Dummheit.“ Das ist richtig. Die Kirche muss jedoch derzeit bitter erfahren, dass niemand, auch die Kirche nicht, das ewige Recht auf die Dummheit der anderen besitzt. Denn immer mehr Bürger machen sich inzwischen eigene Gedanken und lassen sich nicht länger von einer kirchlichen Ideologie indoktrinieren. Reagieren Sie und Ihresgleichen deshalb so aggressiv?

Bisher kam ja das „Recht auf Dummheit“ der Kirche sehr zupass. Weshalb etwa sind noch immer so viele Menschen kirchengebunden und folgen wie die Lemminge dem, was die „Hirten“ verkünden, obwohl doch offensichtlich ist, dass deren Botschaft mit derjenigen des Nazareners kaum noch etwas zu tun hat? Weshalb finanzieren die deutschen Steuerzahler noch immer Jahr für Jahr 15 Milliarden Euro an Subventionen und Steuerbefreiungen für die Kirchen, einschließlich Ihres stattlichen bischöflichen Gehalts – obwohl doch im Grundgesetz steht, dass es keine Staatskirche gibt? Oder weshalb lässt man im deutschen Parlament einen Mann reden, der inzwischen mehrfach und mit fundierten Begründungen vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angezeigt wurde, und zwar wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, vor allem wegen der Vertuschung von Kinderschänderverbrechen, die seit Jahrzehnten über seinen Schreibtisch gehen? Und wie kommen Sie auf die Idee, dass 29 Prozent der Bevölkerung eine „Mehrheit“ darstellten? Ist Ihnen entgangen, dass auch diese Zahl noch viel zu hoch gegriffen ist, weil die regelmäßigen Besucher einer Sonntagsveranstaltung bilden in Deutschland nur mehr eine verschwindende Minderheit von drei Prozent darstellen? Spätestens wenn Sie dann noch glauben, von einem Parlament das „Hausrecht“ einfordern zu können, dann nehmen Sie offenbar auch für sich selbst das „Recht auf Dummheit“ in Anspruch.

Wie anders als mit dem „Recht auf Dummheit“ ist es zu erklären, dass heute noch immer versucht wird, dem Volk weiszumachen, katholisch oder lutherisch sei mit „christlich“ gleichzusetzen? Oder dass man glaubt, es sich erlauben zu können, grundlegende Werte der Verfassung wie weltanschauliche Neutralität des Staates einfach mit Füßen treten zu können?

Doch das funktioniert immer weniger. Das ist vielleicht bitter für Sie und Ihresgleichen, doch es ist die Realität. Und es ist nur gerecht. Denn bitter und kurz war das Leben über Jahrhunderte für all jene, die nicht taten, was die Kirche wollte. Bitter ist das Dasein noch heute für Tausende von Opfern des Missbrauchs und der Misshandlung in kirchlichen Heimen, Priesterwohnungen, Sakristeien und Beichtstühlen, von denen Ungezählte aufgrund eines Seelenmords bis heute nicht mit ihrem Leben zurecht kommen. Die Interessen dieser Menschen hat kaum jemand im Blick, zuallerletzt die Kirche. Sonst hätte man allein deshalb schon nicht den Ober-Vertuscher ihrer Leiden ins Parlament einladen können.

Jeder hat das Recht auf Dummheit. Aber eine wachsende Zahl von Menschen nimmt dieses Recht für sich nicht mehr in Anspruch. Auch wenn Bischöfe sich darüber aufregen.

Mit freundlichen Grüßen



(Matthias Holzbauer)