Freie Bürger für demokratische Werte

Dorothee Bär MdB

Dorothee Bär MdB
Platz der Republik 1
11011 Berlin



16.9.11


Sehr geehrte Frau Bär,

im Namen der Jungen Union haben Sie angesichts des Protests einiger Abgeordneter gegen die Rede des Papstes im Bundestag zu „Respekt vor religiösen Gefühlen“ aufgerufen.

Einmal abgesehen davon, dass Sie damit einmal mehr zugeben, dass der Papst im Grunde nicht als „Staatsoberhaupt“, sondern als Religionsführer reden wird – denn sonst hätten Sie ja von „staatlichen Gefühlen“ reden müssen –, scheinen Sie noch gar nicht registriert zu haben, dass wir inzwischen 71 Prozent Nicht-Katholiken im Land haben und die Konfessionsfreien längst die stärkste Weltanschauungsgruppe bilden. Wie wäre es einmal mit dem längst überfälligen Respekt für die Gefühle genau dieser Gruppe, die man mit diesem Papst-Zirkus offenbar überrumpeln wollte?

Ein besonderer Witz ist es, wenn Sie davon sprechen, die papstkritischen Abgeordneten nähmen „keine Rücksicht auf die ganz große Mehrheit in unserem Land“. Selbst die Minderheit der Katholiken – zumal in den neuen Bundesländern – besteht zum überwiegenden Teil aus Karteileichen. Regelmäßig besuchen nur etwa drei Prozent der deutschen Bevölkerung eine Sonntagsveranstaltung. Mit den „weltweit mehr als 1,1 Milliarden Katholiken“, mit denen Sie aufzutrumpfen versuchen, ist es auch nicht viel weiter her. Weltweit verlassen katholische Zwangsgetaufte in Scharen die Institution, in die sie als hilflose Säuglinge hineinrekrutiert wurden.

Von wegen „ganz großer Mehrheit“! Wo leben Sie eigentlich? Die Realität kann es nicht sein. „86 Prozent der Deutschen ist der Papstbesuch unwichtig“ – so das Ergebnis einer repräsentativen Stern-Umfrage. Man versucht also, dem Volk etwas vorzuspielen, notfalls mit Komparsen, die man in entwürdigender Weise herbeikarrt, um die Plätze des Plenarsaals zu füllen, damit sie nicht ebenso leer bleiben wie die Kirchenbänke.

Da nützt es auch nichts, wenn Sie das Grundgesetz gegen die Verfechter einer Trennung von Staat und Kirche ins Feld führen: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott...“ Was hat ausgerechnet Gott mit der Kirche und dem Papst zu tun? Sie verwechseln offenbar katholisch mit christlich. Christus hat weder eine Kirche gegründet noch Priester eingesetzt, geschweige denn einen Papst!

„Mit großer Entschiedenheit“ wollen Sie sich allen entgegenstellen, „die unseren gesellschaftlichen und verfassungsrechtlichen Konsens in Frage stellen wollen.“ Wenn Sie das wirklich tun wollen, dann wäre zunächst einmal der Kampf gegen sich selbst angesagt. Denn wer ist es denn, der seit nunmehr 90 Jahren verhindert, dass das Gebot der Weimarer Verfassung, die Staatsleistungen an die Kirchen zu beenden, in die Tat umgesetzt wird? Wer ist es denn, der sich dem Gebot der Verfassung „Es gibt keine Staatskirche“ entgegenstellt und den Filz zwischen Staat und Kirche einschließlich milliardenschwerer Staatssubventionen an die Kirchen immer weiter vorantreibt?

Wenn dann einmal einige Politiker aufwachen und die Verfassung ernst nehmen, insbesondere das Gebot der Neutralität des Staates, dann spielt man den Beleidigten.

Sie freuen sich über „die große Ehre, die der Papst unserem Land mit seinem Besuch erweist.“ Für Sie als Katholiken ist es vielleicht eine „Ehre“ – doch wer denkt z.B. an die „Gefühle“ der Tausenden von Missbrauchsopfern katholischer Kleriker? Wer bringt ihnen „Respekt“ entgegen? Joseph Ratzinger war als Kardinal und ist bis heute als Papst der Hauptverantwortliche für das weltweite Vertuschungssystem, das diese Kinderschänderverbrechen deckt. Die größte US-amerikanische Opfer-Organisation SNAP hat ihn vor wenigen Tagen deshalb vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angezeigt – wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ist es da nicht ein Schlag ins Gesicht der Missbrauchsopfer, diesen Mann öffentlich zu ehren? Macht man sie dadurch nicht erneut zu Opfern?

Eigentlich sollten Sie der deutschen Presse dankbar sein, dass fast niemand Ihre Erklärung abdruckte. Sie war einfach zu peinlich.

Mit freundlichen Grüßen,



(Matthias Holzbauer)