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Irland: Vatikan behinderte Ermittlungen

20. Juli 2011
Anrede,

das kleine Irland am Rand Europas, stark gebeutelt durch die Euro-Krise, lange als rückständig und bigott verschrien, hat dem großen Deutschland gerade eine beschämende Lektion erteilt. Während der Riese Deutschland noch behäbig im Schlummer liegt, ist der Zwerg Irland längst aufgewacht und handelt.

Die Rede ist ausnahmsweise nicht von Wirtschafts- oder Währungsproblemen, sondern von einer alarmierenden Gefahr für unsere Kinder – von einer Bedrohung, die von Pfarrern und Priestern ausgeht: Die Politiker Irlands lassen sich die jahrzehntelange Verschleppungs- und Vertuschungstaktik der Vatikankirche in Bezug auf die hauseigenen Kinderschänderverbrechen nicht länger gefallen.

Vatikan behinderte Ermittlungen

Vor wenigen Tagen bestellte die irische Regierung den vatikanischen Nuntius Giuseppe Leanza ein. Außenminister Eamon Gilmore sagte nach dem Treffen der Presse: „Es gab bisher viel zu viel Schweigen. Ich verlange eine Erklärung. Was hier geschehen ist, das war eine vollkommen unangemessene, ungerechtfertigte, nicht hinnehmbare Einmischung des Vatikan in Untersuchungsangelegenheiten.“ (Independent, 15.7.11)

Auslöser für diese mehr als deutliche Sprache war die Veröffentlichung des „Cloyne-Reports“. Darin war untersucht worden, wie in der Diözese Cloyne zwischen 1996 und 2009 mit Sexualverbrechen innerhalb der Kirche umgegangen worden war. Das erschütternde Ergebnis: Obwohl die irische Bischofskonferenz 1996 neue „Richtlinien“ zum Umgang mit den Verbrechen verabschiedet hatte, wurden diese nicht eingehalten. Zwei Drittel der Fälle wurden entgegen anderslautender Beteuerungen nicht der Polizei gemeldet.

Die „Einmischung“, von der der Außenminister spricht, bestand darin, dass der Vatikan in einem Schreiben an die irischen Bischöfe deren Richtlinien zu einem unverbindlichen „Dokument“ heruntergespielt und damit die Durchsetzung der Richtlinien praktisch ausgehebelt hatte.

„Das Irland des 21. Jahrhunderts wird sich nicht länger katholischer Macht fügen!“ (Enda Kenny, irischer Ministerpräsident)

Es sei „absolut schändlich“, erklärte der irische Ministerpräsident Enda Kenny, dass der Vatikan Kirchenrecht über das irische Strafrecht stelle. „Doch das Irland des 21. Jahrhunderts werde sich nicht länger katholischer Macht fügen. Der Regierungschef kündigte ein Gesetz an, das das Zurückhalten von Beweisen über Kindsmissbrauch strafbar macht. ... Justizminister Alan Shatter erklärte, kein ausländischer Staat sollte irgendeiner Organisation in Irland Vorgaben machen, wenn es um den Schutz von Kinder gehe. Dies gelte vor allem für die katholische Kirche.“ (Der Standard, 14.7.11)

„Das Landesgesetz sollte weder durch einen Bischofsstab noch durch einen Priesterkragen aufgehalten werden“, stellte Ministerpräsident Kenny klar. Und der Fraktionsführer der irische Regierungspartei, Charlie Flanagan, forderte gar die Ausweisung des Nuntius. (Irish Times, 15.7.11)

Und in Deutschland? Der Mann, der für die jetzt ans Licht gekommene vatikanische Einmischung in irische Strafermittlungen verantwortlich ist, weil er bereits damals als Kurienkardinal im Vatikan für alle Kinderschänderverbrechen durch sein Personal zuständig war, dieser Mann soll im deutschen Bundestag eine Rede halten dürfen: Joseph Ratzinger, nachgewiesenermaßen Schirmherr eines weltweiten Vertuschungssystems von Kinderschänderverbrechen.

Wann wacht Deutschland auf? Auch in Deutschland erlassen die Bischöfe immer wieder neue „Richtlinien“ – drücken sich aber bis heute um die Aussage, ob sie Missbrauchsfälle konsequent anzeigen wollen oder nicht. Oder sie kündigen eine Untersuchung ihrer Personalakten an. Doch die Musik spielt auch hier im Vatikan: Welches Regierungsmitglied, welcher Abgeordnete hat endlich einmal den Mut, die Veröffentlichung aller Akten und geheimen Dossiers zu fordern, die in den vergangenen Jahrzehnten alle über den Schreibtisch Joseph Ratzingers im Vatikan liefen, weil sie bis heute dem „päpstlichen Geheimnis“ unterliegen?

Nehmt euch Irland zum Vorbild!

Welches Regierungsmitglied, welcher Abgeordnete hat den Mut, sich Irland zum Vorbild zu nehmen und endlich die Macht der katholischen Kirche auch in Deutschland zu brechen, die den deutschen Staat – gemeinsam mit der lutherischen Kirche – Jahr für Jahr um 15 Milliarden Euro an staatlichen Subventionen „erleichtert“? Die es sich erlauben kann ihren – laut Präambel der Vatikanverfassung – „Weltmissionar“ zur bequemen Imagepflege und zur Ablenkung von lästigen Skandalnachrichten in das deutsche Parlament zu entsenden?

Wie sagte schon der Jesuit Friedrich Spee von Langenfeld, ein mutiger, aber alleingelassener Kämpfer gegen die Hexenjagd des 17. Jahrhunderts: „Ich schäme mich Deutschlands. Was werden die anderen Nationen sagen, die so schon unsere Dummheit zu verlachen pflegen?“ Und Kurd von Schlözer, im 19. Jahrhundert preußischer Gesandter beim Vatikan, sagte über die Naivität deutscher Politiker dem Vatikan gegenüber: „Die politische Dummheit der Deutschen ist so riesengroß, dass man sie nicht zu fassen vermag.“
Immerhin haben ja einige Abgeordnete bereits den Mut gefunden, sich von dem traurigen Schauspiel der Rede des Alleinherrschers eines Zwangsregimes in einem demokratisch gewählten Parlament zu distanzieren und ihr Fernbleiben anzukündigen. Wer ein Zeichen setzen will, dass Deutschland doch noch nicht vollkommen gleichgeschaltet ist, der sollte es ihnen gleich tun.

Noch wäre Zeit, die drohende Schande für die deutsche Demokratie abzuwenden oder wenigstens zu verringern. Das kleine Irland hat es vorgemacht.

Mit freundlichen Grüßen,

(Matthias Holzbauer)