Freie Bürger für demokratische Werte

Vatikan: Ist das „System Benedikt“ am Ende?

Vatikan: Ist das „System Benedikt“ am Ende?


Wussten Sie schon, dass das „System Benedikt“ im Vatikan so mit der „Ausmerzung aller theologischen Opposition“ und mit der „Revision der meisten Beschlüsse des Vatikanischen Konzils“ beschäftigt ist, dass es gar nicht anders kann als die „dunkle Seite“ der Kirche, sprich Korruption, Geldwäsche, Mafiakontakte und Missbrauchsskandale weiter zu vertuschen und jeden hinauswirft und erbittert bekämpft, der damit aufräumen will? Dies waren jetzt nur einige Stichworte, wörtliche Zitate aus den Artikeln der letzten Tage und Wochen zu diesem Thema. Die Rechnung scheint aber nicht länger aufzugehen. Die Enthüllungen werden immer konkreter, und nach und nach kommt ein Skandal nach dem anderen ans Licht.

Doch der Reihe nach: Die eigentliche Bombe platzte am 11. Juni 2012, als italienische Tageszeitungen über eine Hausdurchsuchung berichteten, die im Mailänder Büro und in der Privatwohnung des italienischen Bankiers Ettore Gotti Tedeschi durchgeführt wurde. Manchmal kommt eben der Kommissar Zufall der Aufklärung zu Hilfe. Denn die Behörden ermittelten in diesem Fall gar nicht gegen den Vatikan und auch nicht gegen Tedeschi selbst. Sie vermuteten bei ihm lediglich Unterlagen, die für einen Bestechungsskandal bei einem italienischen Rüstungskonzern hilfreich sein könnten. Doch was sie fanden, war ein umfangreiches Dossier des Bankers über höchst skandalöse Vorgänge im Vatikan.

Und das kam nicht von ungefähr. Gotti Tedeschi war schließlich erst wenige Wochen zuvor als Leiter der Vatikanbank IOR fristlos gefeuert worden, und zwar, so der Vatikanexperte Marco Politi, „auf so brutale und würdelose Weise, wie es keinem Kinderschänder in Kirchendiensten je widerfahren ist.“ (Stern, 6.6.12) Das „Vergehen“ Tedeschis bestand darin, dass er das 1944 von Pius XII. gegründete Geldinstitut offenbar endlich so transparent gestalten wollte, dass es internationalen Anforderungen genügt, und dass er bereit war, für dieses Ziel auch mit den italienischen Behörden zusammenzuarbeiten. Das „Institut für religiöse Werke“ wie IOR übersetzt heißt, hat schließlich bereits seit den 80er Jahren einen denkbar schlechten Ruf, als es neben Geldwäsche und Mafia-Skandalen auch mehrere Mordfälle gab. Der Bankier Roberto Calvi und der Mafioso Michele Sindona wurden beide umgebracht; Kardinal Paul Marcinkus, der mit den beiden eng zusammengearbeitet hatte, entging nur deshalb einer Strafverfolgung, weil er sich hinter den Mauern des Vatikans versteckte.

Doch das war noch lange nicht das Ende der dunklen Geschäfte, wie auch Tedeschi sehr rasch feststellen musste. Es blieb offenbar für diverse kirchliche Finanzjongleure mit mehr oder weniger gutem Kontakt zu mafiösen Kreisen einfach zu verlockend, das keinerlei Bankenaufsicht unterliegende Geldinstitut für undurchsichtige Transaktionen aller Art gewinnbringend zu nutzen. Spätestens als die italienische Finanzpolizei im Herbst 2010 23 Millionen von einem Konto der Vatikanbank beschlagnahmte, weil schon wieder ein Verdacht auf Geldwäsche bestand, wusste der erfahrene Bankier Bescheid und setzte Anfang 2011 neue Regeln und stärkere Kontrollen durch, die aber gegen seinen Willen schon ein Jahr später wieder aufgeweicht wurden. Gotti Tedeschi lief plötzlich gegen eine Mauer des Schweigens, die der realen Mauer um den „kleinen, intriganten Staat“ Vatikan – so der Stern (6.6.12) – an Härte und Höhe in nichts nachstand. Im Vatikan wurde eifrig gemauert – und die eigentlichen Probleme begannen, so erzählt Gotti, als er die genauen Namen wissen wollte, die sich hinter den diversen Nummernkonten der Vatikanbank verbargen – und zwar gerade die Namen derer, die keine Kleriker, sondern Politiker oder Unternehmer sind – oder möglicherweise auch Strohmänner der Mafia.

Der Bankier war sich dabei offenbar bewusst, in welche Gefahr er sich begab. Er fürchtet offenbar um sein Leben. Das 200 Seiten starke Dossier, das der Polizei in die Hände fiel, sollte einem Anwalt, einem Journalisten und dem Papst persönlich geschickt werden, falls ihm etwas zustoßen sollte. Mittlerweile steht er unter Polizeischutz. Man kann das irgendwie auch verstehen: War doch schließlich sogar ein Papst, Johannes Paul I., 1978 nur 33 Tage im Amt, ehe er auf bis heute nie ganz geklärte Weise ums Leben kam. Auch er hatte angekündigt, im IOR für Ordnung zu sorgen.

Während italienische Zeitungen sofort ungeschminkt über die Hausdurchsuchung und ihre Folgen berichteten, verfiel die deutschsprachige Presse für mehrer Tage in eine merkwürdige Schockstarre. Und auch danach berichtete sie kaum oder nur verzerrt über das brisante Geschehen. Kein Wunder, hatte man sich doch daran gewöhnt, während der sogenannten „Vatileaks-Affäre“, als immer neue vertrauliche Dokumente aus dem Vatikan veröffentlicht wurden und sogar der persönliche Kammerdiener des Papstes eingesperrt worden war, die verantwortlichen Täter im Vatikan zu Opfern zu stilisieren, ganz nach dem Motto: Was der arme Papst alles aushalten muss! Jetzt stiehlt man auch noch seine Dokumente! Und das durch einen seiner engsten Vertrauten! Ist es Naivität oder Kirchenhörigkeit? Oder am Ende beides? Die angeblich linksliberale Zeit (14.6.12) verstieg sich, noch dazu auf der Titelseite (!), zu der treudoofen Überschrift „Rettet den Papst!“ Der Journalist Alan Posener merkt allerdings zu Recht an, dass man über der Frage „wer war’s?“ nicht den Inhalt der fraglichen Dokumente übersehen sollte. Wäre der Kammerdiener „Angestellter einer Firma, deren Chef solche Missstände zu verantworten hat, würde man ihn als ‚Whistleblower’ feiern“, so Posener.
http://starke-meinungen.de/blog/2012/06/12/vatileaks-neues-aus-dem-intrigantenstadl/

Doch die Dokumente, die nun durch die Hausdurchsuchung bei Gotti Tedeschi nach und nach an die Öffentlichkeit gelangen, sind offenbar noch weitaus brisanter als die bisher bekannt gewordenen. „Ein Beispiel für die schmutzigen Deals des IOR“, so schreibt der Stern.de (12.6.12), „ist ein Konto, das das Bistum in Trapani im Namen einer Stiftung eingerichtet hat ... Der zuständige Bischof Francesco Micchichè sei inzwischen zurückgetreten. Auf dieses Konto seien, so der Verdacht der Staatsanwaltschaft, Gelder aus illegalen Geschäften des mächtigen Mafiapaten Matteo Messina Denaro geflossen, der im Gebiet der Diözese an der Ostküste Siziliens seit Jahren unauffindbar untergetaucht ist.“ Die italienische Zeitung Il Fatto Quotidiano (9.6.12) berichtet von Ermittlungen der italienischen Behörden gegen eine Reihe von Priestern, „deren Geldbewegungen im Geruch der Geldwäsche“ stehen, darunter auch ein Geistlicher mit dem Spitznamen „Don Bancomat“. Der Stern berichtete (6.6.12), wie so etwas funktioniert: „Korrupte Priester eröffneten Konten und gaben die Geheimzahlen an die Maria weiter. Die konnte Gelder im Vatikan parken, deren Herkunft so verschleiern und sie per Homebanking weiterleiten.“

Doch der Bankier Gotti Tedeschi war nicht der erste Aufräumer, der vom Vatikan wegen zu großen Arbeitseifers aus dem Weg geräumt wurde. Dasselbe Schicksal hatte im Oktober 2011 bereits den Kardinal Carlo Maria Viganó ereilt, der seit 2009 die Aufgabe hatte, den Haushalt des Vatikans in Ordnung zu bringen. Viganó war dabei äußerst erfolgreich: Er begann schlicht, den Sumpf der innervatikanischen Korruption auszutrocknen. Er stellte z.B. fest, dass einige Vatikanbürokraten Millionen Vatikangelder auf eigene Faust auf dem Aktienmarkt verspielt hatten. Oder dass mit gefälschten oder überhöhten Rechnungen an immer dieselben Firmen jährlich Hunderttausende von Euros abgezweigt wurden. Doch die 1300 Mann starke Bürokratie setzte sich durch: Der Saubermann Viganó wurde als Nuntius in die Vereinigten Staaten von Amerika wegversetzt.

Und der Papst, der Hauptverantwortliche im Vatikan, der letzte absolute Monarch Europas? Weshalb ließ er seinem wichtigsten Mitarbeiter, Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, der dem Vernehmen nach diese brutalen Personalentscheidungen in Szene gesetzt hat, bei all dem freie Hand? Weshalb beruft er Bertone nicht ab, obwohl immer mehr Stimmen auch innerhalb des Vatikans laut werden, die seine Absetzung fordern, weil er selbstherrlich und unfähig sei? Sogar Joseph Ratzinger soll Bertone inzwischen nicht mehr leiden können, wird ein Kardinal zitiert. Weshalb hält er dann an ihm fest?

Alan Posener gibt uns eine Antwort. In dem Artikel „Neues aus dem Intrigantenstadel“, erschienen im Internet unter starke-meinungen.de, spricht er von einem „System Benedikt“ und erinnert daran, dass Bertone bereits zwischen 1995 und 2002 Ratzingers rechte Hand war, als dieser noch als Kardinal der Glaubenskongregation im Vatikan vorstand. Bertone habe für ihn, so wörtlich, „die Drecksarbeit“ erledigt, und zwar „bei der Säuberung ideologischer Abweichler und beim Versuch, den weltweit verbreiteten Kindsmissbrauch in der Kirche geheim zu halten und die Täter zu schützen.“ Es sei klar, so Posener weiter, „dass ein solcher Dienst den Padrone verpflichtet, die Hand über seinen Gefolgsmann zu halten. Ganovenehre halt. ... Wer Bertone angreift, greift also das System Benedikt an.“ Und das „System Benedikt“, so Posener, bestehe darin, dass „der heutige Papst seit Jahrzehnten seine Energie fast ausschließlich auf die Ausmerzung aller theologischen Opposition und auf die Bekämpfung der ‚Kultur des Todes’ – sprich, der toleranten westlichen Gesellschaft mit ihrer Verteidigung sexueller Selbstbestimmung – richtet. Was diesem Ziel nützt, wird getan, wer diesem Ziel nützt, wird befördert oder unterstützt. Andere Dinge – Reinigung der Kirche von Pädophilen, Aufklärung des ganzen Ausmaßes dieser sexuellen Verirrung in der Kirche, Entschädigung der Opfer, Bekämpfung der Korruption im Vatikan, Aufklärung der mafiösen Verbindungen der Vatikanbank – mögen zwar von Ratzinger angestoßen, können aber nicht mit Energie und Ausdauer betrieben werden, weil die reaktionäre Ausrichtung der Kirche Vorrang hat. Dafür trägt Papst Benedikt XVI. die Verantwortung“.

Die Führungsriege des Vatikans deckt also nicht nur diejenigen, die z.B. weitere Geschäftemacherei mit Kontaktpersonen aus dem Mafiamilieu dulden, sie verhält sich in gewisser Weise auch selbst wie ein Geheimbund, in dem das Gesetz der Omertà, das Gesetz des Schweigens, an erster Stelle steht, weil die Machenschaften der „dunklen Seite“ im Vatikan, wie sie der Wiener
Standard nennt (10.6.12), unter allen Umständen vertuscht werden sollen.

Doch genau diese Rechung scheint nicht aufzugehen. Eine Gruppe innerhalb des Vatikans, die keineswegs nur aus einem Kammerdiener besteht, scheint entschlossen zu sein, der Geheimniskrämerei ein Ende zu setzen. Auch wenn die Motive dieser Gruppe möglicherweise darin bestehen, jetzt schon die Weichen für die nächste Papstwahl zu stellen, so müsste die Öffentlichkeit in gewisser Weise dankbar sein, dass das volle Ausmaß der Skandale Stück für Stück ans Licht kommt.

Statt weiterhin den Papst zu bedauern, der für all das die Hauptverantwortung trägt, sollte vor allem die deutsche Öffentlichkeit dankbar sein, dass endlich offenbar wird, inwieweit der Vatikan die Lehre des Nazareners verraten hat und noch immer verrät, auf den er sich völlig zu Unrecht beruft. Denn mit Jesus von Nazareth hat das alles, was da jetzt ans Licht kommt, überhaupt nichts zu tun. Statt dies zu Kenntnis zu nehmen, werfen der deutsche Staat und die deutsche Regierung noch immer Milliarden an Silberlingen in den Tempel der Vatikankirche. Mindestens sechzehn Milliarden gewährt der deutsche Staat den beiden Großkirchen jedes Jahr an staatlichen Subventionen und Steuerbefreiungen. Damit verraten sie aber auch die deutsche Verfassung, nach der solche Staatsleistungen schon seit über 90 Jahren nicht mehr stattfinden dürften. Doch Privilegien bedeuten auch Einfluss. Vielleicht ist das ja auch der Grund, weshalb wir in deutschen Medien meist nur die halbe Wahrheit erfahren – und auch die noch mit Zeitverzögerung.

15.6.12